Über mich

So könnte es auch sein
Es ist nicht einfach, in wenigen Gedanken auf die vergangenen gut 15 Jahre im aki Zürich zurückzukommen. Versuchen möchte ich es trotzdem.
Wir konnten, hoffe ich, in wechselnden personellen Zusammensetzungen immer wieder Momente schaffen, in denen der Eindruck aufkam: «Unglaublich, so könnte es ja auch sein.» Theologinnen und Theologen sagen, dass sich in solchen Momenten das Reich Gottes verhüllt offenbart.
Manchmal trockneten Nerds das Geschirr ab für andere. Manchmal verzauberten feinfühlig arrangierte Blumen und Gestecke den Weg und die Räume vom Haupteingang bis zum Garten. Schneeflocken formierten sich zu einem Wort und zerfielen wieder.
Einmal bildete sich ziemlich spontan ein Chor. Seine Gesänge verbanden sich mit den Improvisationen der Pianistin und den Diskussionen über Bibeltexte in der Kapelle zu einem überzeugenden Ganzen. In einem anderen Jahr leuchteten adventliche Stelen im Garten.
Echte Gespräche mit echten Worten gab es zuhauf. Tragende Beziehungen entstanden.
Unverbrauchte Musikerinnen und Musiker ebenso wie Theaterleute schufen hinreissende Aufführungen, nachdem sie zuvor stundenlang bis tief in die Nacht geprobt oder im Garten Gerüste aufgestellt hatten.
Eine Studentin organisierte in wenigen Tagen ein Friedensgebet, an dem Studierende verschiedener Religionen teilnahmen. Darunter waren sowohl Leute, die im Haus lernten, als auch Leute, die regelmässig an aki-Gottesdiensten mitfeierten.
Freiwillige holten bis am Morgen früh viel Essen in verschiedenen städtischen Lokalen und brachten es dann ins aki, wo tags darauf restlos alles konsumiert wurde. Die Vielen, die da waren, bekamen genug, und etliche Leute richteten anschliessend anschliessend die Räumlichkeiten wieder sauber her.
Das Brot, das wir füreinander brachen, schenkte uns die Hoffnung, dass auch das Zerbrochene in uns geheilt wird und Bruchstücke unseres Lebens neu zusammengesetzt werden. Indem wir aus demselben Kelch trinken, wuchs die Ahnung, dass es eine tiefe Verbundenheit untereinander und mit Jesus Christus geben kann, der aus Liebe zu uns in den Tod ging und auferstanden ist. Manchmal bereiteten Frauen Gebete und Feiern vor und predigten. Wenn auch viel zu selten.
Unvergessen die Tage, als der Umweltpolitiker Ruedi Rechsteiner kurz nach der Katastrophe von Fukushima vorbeikam, die Berliner Imamin Seyran Ates in Gegenwart vieler Sicherheitsleute referierte, die damalige Synodalratspräsidentin Franziska Driessen sich sowohl für unser Hundertjahr-Jubiläum 2018 als auch für die Wiedereröffnung nach der Renovation 2022 Zeit für uns nahm, die Kunsthistorikerin, Kulturjournalistin und Bloggerin Johanna Di Blasi über ästheische Wege zum Glauben nachdachte, die Techjournalistin Adrienne Fichter über digitale Souveränität diskutierte und Aspekte einbrachte, die tags darauf in allen Schweizer Tageszeitungen Headlines waren, oder Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung skizzierte, wie sich Verantwortung für die ökologische Zukunft heute konkret wahrnehmen und gestalten lässt.
Unvergessen die Feiern am Gründonnerstag, die Filme am Karfreitag, das Unterwegssein in der Osternacht oder vor Weihnachten, unvergessen die entspannenden Tage in Pfaffhausen oder in den Alpen.
Die vergangenen 16 Jahre zogen sich hin zwischen Fukushima und dem letzten Hitzesommer. Anfangs gab es den Arabischen Frühling und WikiLeaks, später Charlie Hebdo, Bataclan, die Covid-Jahre, Russlands Überfall auf die Ukraine, den 7. Oktober, dann die Kriege im Nahen Osten. Jetzt meinen Leute aus dem Umfeld von Peter Thiel, dass Eugenik ein Comeback haben wird, angefangen mit Designer-Babys, die die Norm sein werden, dass die plastische Chirurgie dramatische Fortschritte machen und Gesichtszüge entlang von Klassengrenzen standardisieren wird und dass Menschen einen IQ-Test bestehen müssen, bevor sie Kinder haben.
Dennoch überwiegen in mir jetzt die Bilder vieler Studierender, die mir an den Zürcher Hochschulen oder im aki begegneten. Ich bin sehr dankbar, dass ich Euch kennenlernen durfte, dankbar für Eure Fragen, dankbar für die Gespräche mit Euch.
Ebenso denke ich dankbar an die zahlreichen ehrenamtlich und festangestellten Mitarbeitenden und an meine engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der vergangenen Jahre: Nina Stern, Adrian Marbacher, Benjamin Ruch, Gabriela Lischer, Martin Föhn SJ, Christian Schenker, Mathias Werfeli SJ, Valerio Ciriello, Paul Ludigs und vor allem Rachel Philipona.
Sie alle haben dazu beigetragen, dass das aki heute frisch, heiter und österlich unterwegs ist und gleichzeitig das Leid und die Not nicht ausblendet. Vor allem Rachel als Geschäftsleiterin des Trägervereins des aki und als Betriebsleiterin des aki stand und steht am Anfang und Ende vieler sichtbaren und unsichtbaren Prozesse im aki. Sie hat das Hundertjahr-Jubiläum 2018 zum Erfolg werden lassen und die umfassende aki-Renovation der Jahre 2021 und 2022 geplant und realisiert. – Ich freue mich sehr, dass sie und Paul Ludigs zusammen mit meinem geschätzten Nachfolger Martin Föhn SJ das aki in die Zukunft tragen.
Sehr gerne denke ich auch an die Zusammenarbeit mit der Vereinigung der Freundinnen und Freunde des aki, mit ihren Vorsitzenden Thomas Kappeler, Christa Scherrer und Isa Pedano, an die evangelisch-reformierten Kolleginnen und Kollegen und an die Verantwortlichen der Paulus-Akademie: Friederike Osthof, Pascal Rondez, Stephan Jütte, Linda Blumer sowie Hans-Peter von Däniken, Csongor Kozma und Sebastian Muders.
Von all den Menschen, die ihre breite Erfahrung mit dem aki teilten, möchte ich vier eigens nennen. Prof. Silvia Dorn hat gezeigt, dass wissenschaftliche Brillanz, Menschlichkeit und Feingefühl zusammengehen. Albert Gnägi und Peter Andreoli waren unsere grossen Förderer. Und Christoph Betulius war für uns immer mehr als «nur» akitiv-Regisseur, der er selbstverständlich auch war.
Sehr dankbar bin ich im Weiteren, dass mich der Jesuitenorden an diese pastorale Position im Schatten der ETH und ihrer Roboter, unweit global vernetzter Finanzdienstleister und AI-Hotspots berufen, vielfältig inspiriert und unterstützt hat. Mein Vorgänger Beat Altenbach SJ hat Nina und mir seine Dossiers beispielhaft uneigennützig übergeben. Friedhelm Mennekes SJ hat die entscheidenden Impulse zu einer couragierten und lichtvollen Renovation der aki-Kapelle gesetzt, und die Provinziäle Pierre Emonet SJ, Christian Rutishauser SJ, Bernhard Bürgler und Thomas Hollweck SJ standen jederzeit hinter dem aki.
Da ist eine sehr grosse und konstante Dankbarkeit gegenüber der Katholischen Kirche im Kanton Zürich und ihren pastoralen und staatskirchlichen Vertreterinnen und Vertretern. Die Generalvikare Josef Annen und Luis Varandas, genauso wie die Synodalrätinnen und Synodalräte Angelica Venzin, Vera Newec, Petra Zermin und Daniel Otth und ihre Bereichsleiter Hubert Lutz, Markus Köferli, Frank Ortolf und Sibylle Ratz verfolgten unser Tragen, Ermöglichen und Gestalten aufmerksam und liessen uns gleichzeitig grosse Freiheit.
Da ist eine ebenso grosse Dankbarkeit gegenüber Peter Koch, dem Präsidenten des Trägervereins des aki, der mir all die Jahre vertraut hat, und gegenüber Veronika Jehle und Thomas Binotto, die im Forum das aki in den letzten Jahren (Jehle) und während meiner ganzen aki-Zeit (Binotto) positiv begleiteten.
Da ist schliesslich eine sprachlose Ergriffenheit gegenüber dem, der alle Wege mit uns geht und alle Tränen trocknet. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir fast immer von Einbrüchen verschont blieben und es nie zu Gewalt kam.
Als ich nach Zürich kam, war Benedikt XVI. Papst. 2013 wurde Jorge Mario Bergoglio gewählt und 2025 Robert Prevost. Es ging mir darum, in diesen Jahren zunehmender gesellschaftlicher und kirchlicher Verkrampfungen Lebens- und Denkräume offen zu halten für Widerstand und Anpassung. Jene Jesuiten, die sich glaubwürdig für mehr Frieden und Gerechtigkeit und gleichzeitig für mehr Glauben einsetzten, waren mir dabei Vorbilder; in der Schweiz nicht zuletzt die Zeitschrift «Orientierung» und Menschen wie Josef Bruhin SJ und Bruno Lautenschlager SJ. Bald warteten wir im aki ab, bald legten wir los. Immer ging es ums Tun und nicht ums Siegen, oder wenn, dann um den Sieg im eigenen Inneren.
Es war, an Eurer Seite und getragen von Gott, dem ganz Anderen und alles Ändernden, eine manchmal merkwürdige, zwiespältige, sorgenvolle oder stürmische, aber meist heitere und lichte und in jedem Fall überreiche und hochprivilegierte Zeit. «Unglaublich, so könnte es ja auch sein.»
Franz-Xaver Hiestand SJ
November 2026